Football Trafficking

B42

30.09.2021 Lesezeit: 3 min

Der menschenverachtende Handel mit minderjährigen Fußballspielern 

Dass Fußball nicht mehr der puristische, unschuldige Sport aus unseren Kindheitserinnerungen ist, damit haben wir uns wohl schon abgefunden. Fußball ist schon lange ein Geschäft. Die Kommerzialisierung ist bereits so weit fortgeschritten, dass es vielen von uns immer schwerer fällt, uns für diesen großartigen Sport noch zu begeistern. Oft erscheint es die einfachste Lösung zu sein, sich einfach abzuwenden. Nach dem Motto „dann schau ich eben Handball“ oder zumindest „ich schau lieber Kreisliga als Championsleague“.   

Während solche Reaktionen grundsätzlich vertretbar und verständlich sind, haben im modernen Fußball inzwischen auch Praktiken Einzug erhalten vor denen wir uns nicht abwenden dürfen. Machenschaften bei denen wir nicht mehr wegsehen dürfen. Eine der skrupellosesten Begleiterscheinung des modernen Fußballs ist das sogenannte Football Trafficking. In anderen Worten: moderner Sklavenhandel. 

Was ist Football Trafficking? 

Der Begriff Football Trafficking leitet sich von Human Trafficking ab. Zu deutsche: Menschenhandel. Nur eben im Fußball. Die Handelsware? Junge Fußballspieler*innen! Meistens männlich und überwiegend aus Afrika und manchmal auch Lateinamerika. Das Geschäftsprinzip? Junge Fußballer werden von sogenannten seriösen Agenten „gescoutet“ und mit falschen Versprechungen nach Europa gelockt. Dazu gezwungen ausbeuterische Knebelverträge zu unterschreiben landet im Erfolgsfall ein Großteil des Gehalts beim Agenten. Falls der Spieler scheitert, landet er meistens in einem fremden Land auf der Straße. 

Warum beschäftigen wir uns gerade jetzt mit diesem Thema? 

Eigentlich ist diese Thematik so gravierend, dass es sich lohnt sich immer und jederzeit damit auseinander zu setzen. Unser persönlicher Anstoß war die öffentliche Aufarbeitung des Falls Silas Katompa Mvumpa bzw. einige der Reaktionen darauf. Erst verspätet wurde sich die Mühe gemacht, die tatsächlichen Hintergründe zu recherchieren und publik gemacht. Mediale Schlagzeilen, die suggerierten Silas Katompa Mvumpa sei eher Täter als Opfer – nicht nur rechtlich, sondern vor allem moralisch – waren zu Beginn in der Mehrheit und wurden viel zu häufig unreflektiert wiedergeben und weitergetragen. Die Folge: ein Abrutschen in postkoloniales Verhaltensmuster und Werteverständnis. Während der DFB mit einer dreimonatigen Sperre, die „zufällig“ in die Verletzungspause des Spielers fällt, eine überraschend elegante Lösung gefunden hat seinem rechtlichen Rahmen genüge zu tun, werden an den Stammtischen der Republik noch zu häufig Meinungen nach einem Spielverbot oder gar einer Abschiebung laut.  
Was fehlt, ist der Kontext! Warum Menschen wie Silas Katompa Mvumpa keine Täter am modernen Fußball sind und dessen Integrität gefährden, sondern dessen Opfer. 

Was genau passiert beim Football Trafficking? 

Football Trafficking ist eine verbrecherische Prozedur im Zuge derer jährlich 15.000 junge Fußballspieler nach Europa kommen. Selbsternannte Agenten oder Spielervermittler kontaktieren die Spieler bzw. ihre Familien in deren Herkunftsändern und machen sich dabei die oft hoffnungslose gesellschaftliche Situation der Menschen zu nutzen. Sie präsentieren sich als Vertreter von Premier-League-Vereinen oder anderen europäischen Schwergewichten. Mit Versprechungen auf ein besseres Leben und einer verlockenden Zukunft im reichen Europa werden die Familien dazu überredet ihre Kinder mit den Agenten nach Europa zu schicken. Oft sammeln ganze Dörfer Geld ein um die „anfallenden Transfergebühren“ für ihre zukünftigen Superstars zu begleichen. Von dem Moment an, in dem sich der Spieler mit seinem Berater auf den Weg macht, befindet er sich komplett in dessen Händen. Meistens hat er keinen Zugriff auf seine Dokumente oder Geld und befindet sich in einem Land dessen Sprache und Kultur ihm oft vollkommen fremd sind. Zu diesem Zeitpunkt haben entweder der Spieler oder seine Eltern bereits rechtlich bindende Vorverträge unterschrieben die den Agenten und seine Machenschaften rechtlich legitimieren. Falls nötig werden die Transfers rechtlich noch zusätzlich abgesichert. Denn natürlich gibt entsprechende Gesetze, die ein solches Prozedere eigentlich verhindern sollten. Im Falle minderjähriger Spieler gibt sich der Agent oft als Familienmitglied des Spielers aus und die Einreisegründe haben offiziell nichts mit Fußball zu tun, oder den echten Eltern wird einfach gleich ein Job in Europa verschafft.  

Wenn der Spieler „Glück hat“ setzt er sich in einer der europäischen Ligen tatsächlich durch. Dann muss er einfach nur einen großen Teil seines Gehaltes abgeben und spielt eventuell unter falschen Namen. Wenn er Pech hat und es nicht schafft? Dann landet er oft ohne Aufenthaltsgenehmigung, sonstige Papiere, Geld und Perspektive auf irgendeiner Straße im reichen Europa. 
 

Warum gibt es überhaupt Football Trafficking? 

Die Entstehung von Football Trafficking in seiner heutigen Komplexität und Ausmaß leitet sich von mehreren Faktoren ab. Zwei entscheidende Faktoren sind Kommerzialisierung und Globalisierung. In einem Sport in dem es immer mehr um Geld und ökonomische Faktoren geht, sind vor allem kleinere Vereine darauf angewiesen „gut zu wirtschaften“. Die Lösung: sogenannte Schnäppchenkäufe aus dem EU-Ausland. Einer der lukrativsten Märkte dafür: Afrika. Dazu kommt, dass es in einer globalisierten Welt immer leichter wird, Menschen von A nach B zu transportieren. In einer Fußballwelt in der globale Transfers von London nach Shanghai oder Sao Paolo nach Istanbul an der Tagesordnung sind, wird bei einem 13-Järigen afrikanischem Jahrhunderttalent, dass mit seinem europäischen Berater nach Rom fliegt bei der Einreise nicht mehr so genau hingeschaut. Gefälschten Papieren und laxem FIFA-Reglement sei Dank. 

Eingeleitet wurde die Nachfrage nach „billigen“ Fußballtalenten ironischer Weiße durch ein Gerichtsurteil, dass die Rechte von Spielern eigentlich stärken sollte und das wir alle kennen: dem Bosman-Urteil (1995). Wichtigste Folge: Spieler dürfen nach Ablauf ihres Vertrags keine Ablösesumme mehr kosten. Damit einhergehend sind nach dem Urteil längere Verträge geschlossen worden und die Ablösesumme von Spielern deren Arbeitspapiere noch Gültigkeit besitzen gestiegen. Somit mussten viele kleinere Vereine neue Märkte für sich erschließen. 

Und dann gibt es natürlich noch einen letzten ganz zentralen Aspekt: die menschliche Gier. Beim Football Trafficking geht es nicht darum Nachwuchstalente aus der ganzen Welt zu fördern und ihnen auf der großen Fußballbühne eine Chance zu geben. Für eine steigende Anzahl an zwielichte Gestalten ist es einfach eine hervorragende Möglichkeit schnelles Geld zu verdienen. Deswegen handelt es sich beim Football Trafficking auch überwiegend um männliche Opfer. Da im Männerfußball mehr Geld als im Frauenfußball fließt, sind sie einfach lukrativer. 

Was hat das mit B42 zu tun? 

Nun, wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt sehen wir uns nicht nur als reiner sportwissenschaftlicher Dienstleister, sondern als gesamtgesellschaftliche Bewegung. Wir bringen den Amateurfußball ins 21. Jahrhundert. Das bedeutet: Digitalisierung, sportwissenschaftliche Expertise auf Profiniveau für alle Spieler und Spielerinnen egal aus welcher Liga und einen gesellschaftlichen Wertekodex. Gegen barbarische Geschäfte wie  Human Trafficking sollten wir alle – auch du – immer und jederzeit unsere Stimme erheben. Und wenn solche Machenschaften im Fußball seit Jahren etabliert und in letzter Zeit immer umfangreicher werden, dann wird es umso mehr zu unserem Thema. Wir lieben unseren Sport viel zu sehr um es nicht zu tun!  

Was können wir dagegen tun? 

Unsere Stimme erheben und Aufmerksamkeit schaffen! Die Drahtzieher profitieren in erster Linie davon, dass sie unbehelligt im Hintergrund ihrem schmutzigen Geschäft nachgehen können. Vereine sehen zu häufig ihre Chance schnell und billig an talentierte Spieler zu kommen. Vor allem solche, die finanziell klamm sind und nicht die entsprechenden Ressourcen besitzen, über Herkunft und Hintergrund eines potentiellen Neuzugangs die notwendigen Nachforschungen anzustellen. In dem Moment wo eine Problematik ins Licht der Öffentlichkeit gerückt wird, müssen sich die entsprechenden Akteure in Europa (und anderswo) dem medialen und gesellschaftlichen Druck nachgeben, sich mit der Thematik auseinandersetzen und darauf reagieren.   
Verbände wie die FIFA und die UEFA müssen die Regeln für globale Transfers – v.a. von Minderjährigen – verschärfen und besser überwachen. Vereine müssen sich der Situation bewusst sein und sich vor Abschluss eines Transfers Klarheit über den Spieler und sein Umfeld verschaffen. Hier geht es nicht darum nicht-europäischen Spielern ihre Zukunft zu verbauen, sondern Jugendliche und deren Familien vor Menschenhändlern zu schützen. 

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