Interview mit Stephan Loboué

B42

30.09.2021 Lesezeit: 3 min

“Kein Mensch wird als Rassist geboren”

Gibt es auf der Torhüterposition strukturellen Rassismus? Wenn es nach einer Studie der Humboldt Universität Berlin geht, ist das der Fall. Und tatsächlich ist auffällig, dass es – im Gegensatz zu allen anderen Mannschaftsteilen – gerade auf dieser so wichtigen Position keine dunkelhäutigen Spieler in der ersten und zweiten Bundesliga gibt. Wir haben mit Stephan Loboué darüber gesprochen. Die ehemalige Nummer eins bei der Spielvereinigung Greuther Fürth, die auch für die deutsche U18-Naationalmannschaft aufgelaufen ist, ist heute Torwarttrainer im Jugendleistungszentrum von Eintracht Frankfurt. Als Sohn eines Ivorers, der bei seiner deutschen Mutter in Süddeutschland aufgewachsen ist, weiß Loboué, was Rassismus bedeutet – trotzdem überwiegen bei ihm der Optimismus und vor allem der Glaube, dass der Fußball vieles zum Positiven bewegen kann. 

Stephan, wie bist du eigentlich Torhüter geworden?

Ich war elf oder zwölf Jahre alt. Vor dem Training haben wir Jungs oft schon vor der Umkleidekabine gebolzt – und ich habe mich ins Tor gestellt. Daraufhin fragte mich der Trainer, ob ich mich auch im richtigen Training mal im Tor stehen möchte. Da habe ich mich wohl ganz gut angestellt und da war klar: Ab jetzt bin ich Torwart. Ich wollte dann immer mal wieder aufs Feld und Tore schießen, aber der Trainer lies mich nicht mehr raus.

 

Später bist du Profi geworden, heute Torwarttrainer bei Eintracht Frankfurt. Wie hat sich in den letzten Jahren das Torwartspiel aus deiner Sicht verändert?

Es wird ja heute vom modernen, mitspielenden Torwart gesprochen. Diese Betrachtung kann ich nicht ganz nachvollziehen. Früher war Jens Lehmann mein Vorbild. Der hat vor 25 Jahren schon so gespielt, wie man es heute von Torhütern erwartet – auch wenn er natürlich eine Ausnahme war. Sicherlich musst du heute mehr mitdenken, wird mehr Wert auf die Spieleröffnung und Taktik gelegt, werden die Torhüter beidfüßig ausgebildet Das war in meiner Jugend noch nicht so. Aber so groß, wie der Unterschied von vielen beschrieben wird, ist er aus meiner Sicht nicht. 

 

Du bist ja Sohn eines ivorischen Vaters und einer deutschen Mutter. Du hast dich erst entschieden, für die deutsche U-18 aufzulaufen, bist aber später Nationalspieler der Elfenbeinküste geworden. Wie kam es dazu?

Ich hatte ehrlicherweise keine Berührungspunkte zur Elfenbeinküste. Es war für mich selbstverständlich, für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen und eine große Ehre. Aber 2005 har sich ein Berater bei mir gemeldet. Er wurde vom Verband der Elfenbeinküste gefragt, ob ich es mir nicht vorstellen könnte, für deren Nationalmannschaft zu spielen. 

 

Und das hast du als große Chance gesehen?

Ja, klar. Oliver Kahn war eine Nummer zu stark für mich (lacht). Und wer will dann nicht mit Drogba, Toure, Kalou oder Eboué spielen? Mein erste Länderspielerfahrung, wenn auch als Ersatzspieler, war dann im März 2006 in Spanien. Da habe ich mit Iker Cassillas Handschuhe getauscht. Das sind schöne Erinnerungen. 

Leider müssen wir auch über ein unangenehmes Thema sprechen. Gegenüber dem Spiegel hast du dich zu einer Studie der Humboldt Uni Berlin geäußert, bei der es um Racial Stacking geht. Dabei wird argumentiert, dass man schwarzen Fußballern gewisse Attribute zuschreibt und es eine Form von Rassismus sei, dass es in der ersten und zweiten Bundesliga keine schwarzen Torhüter gibt. Kannst du uns deine Position dazu nochmals erläutern?

Ich bin der erste schwarze Torhüter, der in der Jugend-Nationalmannschaft gespielt hat. Und leider hat sich da nicht viel getan, obwohl es definitiv viele gute schwarze Torhüter gibt. Ich tue mir schwer, dass direkt als Rassismus zu bezeichnen, aber offenbar wird Torhütern mit dunkler Hautfarbe weniger zugetraut. 

 

Hat das auch deine Karriere beeinflusst? Schließlich wurdest du damals bei Greuther Fürth zum zweitbesten Torhüter der zweiten Liga gewählt, hast aber kein Angebot aus der ersten Liga bekommen. 

Richtig. Ich war 26, ein Führungsspieler und mein Vertrag lief aus. Da bekommst du normalerweise mindestens ein Angebot. Ich kann nicht sagen, dass es einen direkt rassistischen Hintergrund hat, aber bin mir sicher, dass ich in England oder Frankreich zig Angebote gehabt hätte. Natürlich ist das am Ende Spekulation, aber ein Beigeschmack bleibt.

 

Das beantwortet aber noch nicht, warum das ausgerechnet bei der Torhüterposition zu augenfällig ist, während schwarze Fußballer auf anderen Positionen etwa 20 Prozent der Spieler ausmachen.

Die Torwartposition ist eine mit sehr großer Verantwortung. Jeder Fehler kann spielentscheidend sein. Und offenbar vertrauen die Vereine eher weißen Torhütern, weil sie ihnen eher Zuverlässigkeit und andere Tugenden zuschreiben. Anders kann ich es mir nicht erklären. 

Hast du denn viel Erfahrung mit direktem Rassismus machen müssen?

Auf jeden Fall. Ich habe in vielen Stadien vereinzelte Affenlaute gehört - immer wieder, vom ersten bis zum letzten Tag. Aber die Situation ist besser geworden. Die Sensibilität ist höher, viel mehr wird heute öffentlich gemacht - glücklicherweise auch außerhalb des Fußballplatzes. Da hat sich einiges getan, wobei sich durch die Flüchtlingskrise die gesellschaftliche Stimmung wieder etwas gedreht hat. Aber glücklicherweise nehme ich das nicht auf dem Fußballplatz wahr.

 

Aber wenn du dir die rassistischen Anfeindungen der englischen Spieler nach dem Elfmeterschießen der EM anschaust, hast du dann Sorge, dass so etwas auch in Deutschland passieren kann?

Natürlich. Es sind wenige Menschen, die so denken, aber es gibt immer noch viel zu viele. Ich habe tatsächlich mit allen dunkelhäutigen Spielern beim Elfmeterschießen mitgefiebert, weil ich genau wusste, was passiert, wenn sie verschießen. 

 

Um mit etwas Positiven zu schließen: Bist du der Meinung, dass der Fußball hier auch wahnsinnig viel Positives bewegen kann?

Absolut. Der Fußball hat eine wahnsinnige Kraft. Kein Mensch wird als Rassist geboren. Ich sehe, wie hier in Frankfurt Kinder unterschiedlichster Herkunft zusammen Fußball spielen. Die denken da überhaupt nicht dran. Da hat der Fußball eine wahnsinnig große Kraft, aber auch eine wahnsinnige Verantwortung. Wir sind schon sehr weit gekommen, aber es geht noch mehr. 

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