Out of the Box, Folge III: "Holt die Menschen zurück ans Lagerfeuer!"

B42

08.12.2021 Lesezeit: 3 min

Noch ist der Fußball für das Deutschland der Gegenwart das, was in frühen Stammesgesellschaften das Lagerfeuer war: Man kommt vor dem Bildschirm oder auf dem Fußballplatz zusammen, um gemeinsam Fußball zu schauen oder zu spielen, tauscht sich dabei aus, entwickelt ein Zugehörigkeitsgefühl und stattet sich mit Gesprächsstoff aus. Manche „Geschichten“, denen man am Lagerfeuer des Fußballs lauscht, brennen sich tief ins Gedächtnis ein – die meisten Menschen in Deutschland können sich die Bilder von Mario Götzes Siegtor bei der WM 2014 sofort und klar in Erinnerung rufen.

Aber während diese Bilder und auch der dazugehörige Kommentar („Mach ihn! …“) damals ausschließlich in der ARD zu verfolgen waren, wird die Winter-WM 2022 in Qatar in Konkurrenz zu den öffentlich-rechtlichen Sendern auch im Bezahlfernsehen übertragen: Magenta TV zeigt alle 64 Spiele des Turniers live, 16 davon sogar exklusiv. Mit einem möglichen WM-Siegtor der Nationalelf werden die Menschen in Deutschland also vielleicht zwei unterschiedliche Kommentare verbinden. 

Das zeigt exemplarisch: Die Kommerzialisierung des Fußballs, sie sorgt dafür, dass der Fußball seine Lagerfeuer-Funktion immer schlechter erfüllen kann. In diesem Zusammenhang ist auch die vorerst gescheiterte „Super League“ zu nennen, mit der die Transformation von Fußballvereinen hin zu „Global Brands“ und weg von regionalen Identifikationsobjekten vollendet werden würde. 

Viele Menschen in Deutschland protestieren gegen diese Entwicklungen – und wenden sich vom Lagerfeuer ab: Laut einer im November veröffentlichten Umfrage der Voting-App „FanQ“, bei der 4190 deutsche Fans befragt wurden, gibt rund ein Drittel an, dass das Interesse am Profifußball in der Zeit der Corona-Pandemie abgenommen habe. Rund 34 Prozent erklärten darüber hinaus, sie hätten weniger Interesse an einem Stadionbesuch – dass viele Bundesliga-Spiele in der Hinrunde trotz zeitweiser stark begrenzter Kapazitäten nicht ausverkauft waren, erscheint daher als logische Konsequenz.

Die Menschen in Deutschland verlieren nicht nur die Lust am Profifußball, sondern auch am aktiven Kicken im Amateurbereich: Laut aktueller DFB-Mitgliederstatistik ging die Anzahl aktiver Spieler von 2,25 Millionen in der Saison 2016/17 auf 1,8 Millionen in der Saison 2020/21 zurück. Im gleichen Zeitraum sackte die Anzahl jugendlicher Spieler bis 14 Jahre von 906.542 auf 735.822 ab, bei den 15- bis 18- Jährigen von 275.541 auf 215.221. 

Wenn diese Trends umgekehrt werden und sich wieder mehr Menschen vor dem Lagerfeuer Fußball versammeln sollen, muss sich an vielen Stellen etwas ändern. 

Zunächst muss der DFB aus seiner Krise herausfinden. Der Fußball-Dachverband muss die bevorstehende Präsidentenwahl als Chance nutzen, um das Vertrauen von Fans, Amateurfunktionären und -spielern zurückzugewinnen – indem er beispielsweise die Amtszeit des nächsten Präsidenten begrenzt und die Wahl demokratischer und transparenter gestaltet. Der Berliner Amateurvertreter Gerd Thomas hat das Verfahren einer Urwahl, an der alle Fußballerinnen und Fußballer ab 16 oder 18 Jahren aus den rund 25.000 Vereinen teilnehmen, ins Spiel gebracht. Auch die Neuverhandlungen über den Grundlagenvertrag zwischen DFB und DFL sind eine Chance: es gilt, den Vertrag so auszugestalten, dass am Ende mehr Geld an die Amateure fließt. 

DFL und Profiklubs sind ebenfalls in der Pflicht: Das Wort „Demut“ sollte nicht nur zu PR-Zwecken genutzt werden, sondern als tatsächliche Handlungsmaxime. Das bedeutet auch, dass Vereine ihre Fans weniger als Einnahmequelle und wieder mehr als selbstbestimmte Individuen betrachten sollten, die es einzubinden gilt. Wer sich die Abos dreier Pay TV-Sender besorgen muss, um alle Live-Spiele seines Herzensvereins zu sehen, wer den Eindruck hat, dass eine kritische Auseinandersetzung mit einem Sponsoring-Deal unterdrückt wird, der zieht Konsequenzen – Konsequenzen, die sicherlich nicht zu einer Popularitätssteigerung des Fußballs beitragen werden. 

Nach wie vor hat der Fußball die Kraft, sozialen Zusammenhalt zu fördern und kollektive Identitäten zu stiften. Dieses Potenzial darf in einer zunehmend fragmentierten und individualisierten Gesellschaft nicht ungenutzt bleiben. Zeit, die Menschen wieder ans Lagerfeuer zu holen!

Tim Frohwein, Jahrgang 1983, ist Soziologe und setzt sich seit vielen Jahren wissenschaftlich und journalistisch mit dem Amateurfußball auseinander.

Er unterrichtet an der Hochschule München, ist Redaktionsmitglied beim Zeitspiel-Magazin und organisiert die Veranstaltungsreihe Mikrokosmos Amateurfußball.

Seit bald zwanzig Jahren spielt er in den Herrenmannschaften des FC Dreistern München

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