Frauenfußball in England - das lehrt uns das Mutterland des Fußballs

B42

31.05.2021 Lesezeit: 3min

Lina Magulls Blog, in dem sie aufzeigt, wie die Aufmerksamkeit und Anerkennung des Frauenfußballs in Deutschland erhöht werden kann, hat im letzten Jahr zurecht für Aufmerksamkeit gesorgt.

Diese Aufmerksamkeit wurde ihr aber nicht aufgrund marktschreierischer Parolen zuteil, nicht aufgrund von populistischen Zuspitzungen. Nein, sie hat darin sachlich und mit starken Argumenten Wege beschrieben, wie wir den Frauenfußball in Deutschland nach vorne bringen können. Dabei hat Lina auch Vergleiche mit der Barclays FA Women's Super League (FAWSL) gezogen, der ersten Frauenfußball-Liga in England.

Und es stimmt, der Professionalisierungsgrad des Britischen Frauenfußballs ist weitaus höher als in der Flyeralarm Bundesliga. Als Spielerin bei West Ham United sehe ich das aus erster Hand. Ich möchte daher den Versuch unternehmen, konkrete Unterschiede deutlich zu machen. Genauso wie Lina geht es mir nicht darum, etwas schlecht zu reden. Es geht darum, konkrete Ansätze aufzuzeigen, wie es besser gehen kann, wie wir von anderen lernen können.

 

In England herrschen optimale Bedingungen im Frauenfussball

Lina hat zurecht darauf hingewiesen, dass die Verzahnung von Männer- und Frauenmannschaften bei den deutschen Proficlubs zu wünschen übrig lässt.  Viele Proficlubs aus dem Herrenbereich weisen keine Frauen-Teams auf, die auf höchstem Niveau spielen oder koppeln ihre Frauenmannschaften komplett von den professionellen Strukturen der Herren ab.

 

Nur deutsche Top-Clubs können mithalten

Die Namen der Vereine in der FAWSL lassen dagegen aufhorchen: Arsenal London, Manchester United, Manchester City, FC Chelsea, Tottenham Hotspurs, West Ham United. Acht Vereine der FAWSL, die insgesamt zwölf Teams umfasst, sind in der Premier League vertreten, die restlichen vier in der Championship, der zweiten Liga Englands. 

Mit der Zugehörigkeit zu den Premier League Clubs geht der Zugang zu modernen Trainingsgeländen einher; teilweise werden diese mit den männlichen Profis geteilt. Bei meinem Club West Ham United trainieren wir beispielsweise auf dem Academy-Gelände Chadwell Heath. Dieses legendäre Ausbildungszentrum war bereits der Trainingsort von Vereinsgrößen wie Geoff Hurst, Bobby Moore und Martin Peters. 

Konkret heißt das, dass wir dort auf drei Rasenplätze, einem Kunstrasen-Platz sowie einer überdachten Kunstrasenhalle trainieren. Dazu bietet die Academy einen Kraftraum, Mediaräume, Physioeinrichtungen sowie eine Cafeteria, in der die Mannschaft nach den Einheiten verpflegt wird.

Diese professionellen Bedingungen sind in der Flyeralarm Frauen Bundesliga bisher nur in den Topclubs vorzufinden – ich möchte an der Stelle Bayern München, den Vfl Wolfsburg, die TSG Hoffenheim sowie Eintracht Frankfurt herausheben. 

 

Frauenfussball Deutschland vs. England

 

Ein Mitarbeiterstab von knapp 20 Leuten

Ein weiterer wichtiger Faktor der Professionalisierung ist die Zusammensetzung des Staffs. Neben einem(r) Cheftrainer*in, Co-Trainer*in und Torwart-Trainer*in verfügt jedes FAWSL Team über mindestens eine(n) festangestellte(n) Physiotherapeuten*in. Dazu kommt ein Team-Arzt bzw. eine -Ärztin, die teilweise auch bei den Trainingseinheiten anwesend sind, ein(e) Vollzeit-Videoanalysten*in sowie ein(e) Vollzeit-Athletiktrainer*in.

Champions-League-Vertreter Chelsea und Manchester City müssen sich in diesem Bereich auch nicht vor den männlichen Teams verstecken: der Staff umfasst hier nahezu 20 Mitarbeiter, die den Spielerinnen die professionellste Betreuung bieten. Diese Strukturen sind nicht vom Himmel gefallen. Sie sind insbesondere Folge des Lizensierungsverfahrens der FA. Sie hat Standards festgelegt, um die Liga langfristig zu professionalisieren.

 

GPS-Tracker, Field-Cams und Co - der englische Fußball arbeitet innovativ

Auch beim Thema Innovation & Digitalisierung ist die FAWSL einige Schritte voraus. So setzt man in England verstärkt auf den Einsatz von GPS-Trackern, um die Trainingssteuerung und somit die Belastung der Spielerinnen individuell steuern zu können. Aber auch am Spieltag kommt die Technik zum Einsatz, sodass ein ganzheitliches Belastungsbild für jede einzelne Spielerin erstellt werden kann.

Bei West Ham United setzen wir außerdem auf Videomaterial aus Spielen sowie Trainingseinheiten – Anschauungsmaterial, das uns hilft, so detailliert wie möglich an unseren (individuellen) Schwächen arbeiten zu können. Jedes Training wird mit fest installierten „Field-Cams“ aufgezeichnet und auf der Analyseplattform „Hudl“ zur Verfügung gestellt, sodass jede Spielerin die Möglichkeit hat, die Trainingseinheiten im Nachgang anzuschauen. 

Auch das Thema Belastungskontrolle wird hier auf höchstem Level gemanagt. Jede Spielerin bewertet nach den Einheiten auf einer App die gefühlte Trainingsintensität – das System nutzen alle Teams in der FAWLS.

Darüber hinaus füllen wir morgens vor der ersten Einheit einen kurzen Fragebogen zum körperlichen Befinden aus. Der Hintergrund dieser Strategie ist es, Verletzungen aufgrund von Überlastung zu vermeiden. 

Die Erfolge sind klar sichtbar: Die Periodisierung der Intensität kann besser und individueller gestaltet werden und ist ein großer Pluspunkt in Sachen Trainingssteuerung.

 

Frauenfussball in England im Vergleich zu Deutschland

 

England sorgt für mehr Medienpräsenz im Frauenfussball

Aber wenn es um die Anerkennung des Frauenfußballs geht, steht insbesondere die Frage im Raum, wie der Frauenfußball wahrgenommen wird, welche Präsenz er in England hat.

Lina hat zurecht die mangelnde (mediale) Aufmerksamkeit des Frauenfußballs in Deutschland beklagt. Wie sieht das zum Vergleich in England aus? Auch hier ist nicht alles optimal, aber ich sehe hier Entwicklungen, von denen sich die Bundesliga eine Scheibe abschneiden könnte.

Vor allem wird eine klare Strategie erkennbar: Kommerzialisierung und Sichtbarkeit sind zu 100 Prozent der Focus der Verantwortlichen für die Woman Soccer League.

 

Mehr als ein Topspiel pro Woche

So werden die Spiele der FAWSL regelmäßig auf der Verbandseigenen Streamingplattform „FA PLAYER“ ausgestrahlt. Somit sind der Zugang und die mediale Präsenz für alle Teams gewährleistet. Ein Topspiel der Woche wird zusätzlich auf BBC oder BT Sport im englischen TV ausgestrahlt, damit wird die Aufmerksamkeit für die Liga extrem erhöht. Ist es vorstellbar, dass ARD und ZDF vereinzelt Spiele der Bundesliga übertragen? Ich fürchte, wir haben noch einen langen Weg vor uns.

In Deutschland wird aktuell lediglich ein Spiel pro Spieltag auf Eurosport ausgestrahlt, teilweise ein weiteres auf der Streamingplattform DFB-TV. Als Fan eines einzelnen Vereins, kommt man daher nicht jedes Wochenende in den Genuss, vor dem TV/Laptop mitzufiebern.

 

Dezentraler Verkauf der Medienrechte - für faire finanzielle Bedingungen

In England sollen die Medienrechte zukünftig dezentralisiert verkauft werden, um die Einnahmen für die Vereine auszuweiten. Um an dieser Stelle nicht falsch verstanden zu werden:

Ich will einer Kommerzialisierung wie im Männerfußball nicht das Wort reden. Es geht um faire finanzielle Bedingungen, unter denen wir Profis so verdienen, damit wir davon leben können.

 

Frauenfussball Deutschland Probleme

 

Gemeinsame Social-Media-Kanäle der Profi-Teams

Aber jeder einzelne Club kann unabhängig davon etwas dafür tun, um die Präsenz seiner Frauenabteilung zu erhöhen. In den sozialen Medien sieht man vermehrt die Fusion der männlichen und weiblichen Accounts der FAWSL und Premier League Clubs.

Ein Beispiel: Manchester City hat einen gemeinsamen Account – und liefert Updates zum Frauen- als auch zum Männerteam. So muss es sein! Ein solcher Schritt kostet kaum Aufwand oder Geld, bringt den Frauenfußball aber entscheidend nach vorne, ohne den Männerfußball zu schwächen.

Anderes Beispiel: Immer wieder gibt es Promotion-Aktionen, um die Aufmerksamkeit für die Frauen-Teams zu hochzuhalten. Beispielsweise spielen sie – außerhalb der Corona-Phase – immer wieder in den Männerstadien vor großer Kulisse.

Diese Strukturen führen dann unter anderem auch dazu, dass Topspielerinnen nach England kommen, beispielsweise Pernille Harder, die von Wolfsburg zu Chelsea gewechselt ist, und die Attraktivität der Liga weiter steigert.

Am Ende müssen wir voneinander lernen, sehen, wie es besser geht und konstruktiv Ansätze formulieren. Nur wenn wir einen kritischen Blick behalten und bereit für Veränderungen sind, können wir den Frauenfußball hierzulande nach vorne bringen. Verdient hat er es!

 

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