Premieren-Torschützing Ronja: Es war nur ein Tor

B42

14.09.2022 Lesezeit: 3 min

Premieren-Torschützin Ronja Taubmann über ihren ersten Treffer in einem offiziellen Herrenspiel.

Ronja Taubmann ist 24 Jahre alt und Fußballspielerin. Bereits im Alter von sieben Jahren hat sie das Fußballfieber gepackt und seither nicht mehr losgelassen. Als sie studienbedingt umziehen musste und in ihrem neuen Wohnort Wasserburg kein Frauenfußball angeboten wurde, trainierte sie kurzerhand bei den Männern mit.  

Und wie. Denn in ihrem vorerst letzten Spiel erzielte die gebürtige Münchnerin das deutschlandweit erste Tor einer Frau in einer Männermannschaft. 

Wir haben sie getroffen und uns ausgetauscht: über ihre Karriere, den Frauenfußball allgemein und warum Tore von Frauen auch in Männermannschaften normal sein sollten. 

 

 

Von Karlsfeld nach Wasserburg: ohne Fußball geht es nicht

Mit sieben Jahren ist für Ronja eigentlich Ballette die Sportart Nummer eins. Doch als sich ihr Bruder für Fußball entscheidet, gibt es auch für sie nur noch das runde Leder. Und dort bliebt sie auch. Zunächst bei den Jungs und anschließend bei Mädchen- sowie Frauenteams in Karlsfeld. 

„Für mich ist Fußball etwas, das in meinem Leben immer da war und mir viel geholfen hat.“ Für Ronja Taubmann, die auf der zentralen Mittelfeldposition beheimatet ist, war der Fußball immer ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Eine Konstante, wie bei so vielen anderen leidenschaftlichen Kicker*innen.  

Außerdem hat ihr der Fußball einzigartige Freundschaften geschenkt und hatte in ihrem konkreten Fall auch die Kraft, sich schnell in einem neuen Umfeld integrieren zu können. 

„Fußball hat die Kraft, schnell eine neue Heimat zu finden“

Schnell eine neue Heimat finden, war für die 24-Jährige auch von Nöten. Denn als sie aufgrund des Studiums für Physiotherapie nach Wasserburg am Inn zog, musste sie ihre gewohnte Umgebung im Norden Münchens zurücklassenund war fortan auf sich allein gestellt. Innschleife statt Isarufer.  

Als sie eines Abends am Fußballplatz vorbeijoggte, fasst sie kurzerhand den Entschluss, künftig für den TSV 1880 Wasserburg die Schuhe zu schnüren.  

Der Haken: In Wasserburg gibt es derzeit kein Team für Frauen. Daraufhin rief Ronja den Abteilungsleiter der „Wasserburger Löwen“ an, um ihn zu fragen, ob sie einfach bei den Jungs mitspielen dürfte: “Kevin (Kevin Klammer, Abteilungsleiter des TSV) sagte mir, dass es überhaupt kein Problem sei. Wichtig wäre nur, dass die Jungs damit einverstanden seien und sich die Qualität der Mannschaft nicht verschlechtere.” So begann ihr Abenteuer im Männerfußball. 

„Diesen Zusammenhalt kannte ich bisher noch nicht“

Wie es so war, das erste Mal mit den neuen Teamkollegen auf dem Feld zu stehen? Nervosität und Druck ohne Ende. Jedoch nicht, weil die neuen Mitspieler so viel verlangten, sondern weil Ronja dachte, jetzt plötzlich den kompletten Ruf aller Frauen verteidigen müsse: „Ich wollte es extra-gut machen und dachte bei jedem schlechten Pass, dass sie jetzt das falsche Bild von Frauen-Fußball haben.“ 

Doch – und da kommt wieder einmal die Kraft des Fußballs ins Spiel – dieser Druck wurde ihr schnell genommen. Die Teamkollegen sahen sie nämlich einfach als Mitspielerin. Nicht als Frau, die mitspielt. Fußballerin, nicht Frauenfußballerin. „Ab dem ersten Training war egal, dass ich ein Mädchen bin, bei einem Fehler wurde ich angeschnauzt – und das zu Recht.“ 

Als man dann als Team auch noch außerhalb des Platzes viel zusammen unternommen hat und der fußballtypische Teamspirit Einzug erhielt, war der Druck endgültig verflogen. Ronja konnte von nun an befreit aufspielen. Und schließlich ihr ganzes Potenzial zeigen. 

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„Ich habe an nichts gedacht, nur gefühlt“

So war es auch ein Stück weit normal, dass der Trainer ihr das Vertrauen schenkte - und sie in der 80. Spielminute direkt in den Sturm beorderte. 

Es kam, wie es kommen musste: Wenige Zeigerumdrehungen nach ihrer Einwechslung, sie war bis dato noch ohne eigener Ballberührung, zog der Außenbahnspieler die Linie entlang, enteilte den Gegenspielern und passte zu Ronja in die Mitte. Das Tor, sagt sie, sei eine absolute Mannschaftsleistung gewesen. „Osman, mein Mitspieler, hätte auch direkt abschließen können, hat aber zu mir gespielt. Das spiegelt den Spirit dieser Mannschaft eigentlich am besten wider.“ 

 

In diesem, ihrem, Moment habe sie an nichts gedacht, sondern nur gefühlt. Das Gefühl: unendliches Glück.  

Eigentlich war es nur ein Tor

Aber und auch das gehört zur Geschichte: es war nur ein Tor. Und es sollte komplett normal sein, dass Frauen, die in Herrenteams spielen, Tore erzielen.  

Als sich der BFV als Landesverband entschied, dass Männermannschaften künftig auch für Frauen zugänglich sind, war das Staunen groß – schließlich kam dies doch eher spontan. Dass es ermöglicht wird, ist eine großartige Sache. Vor allem Spielerinnen wie Ronja, die nach ihrem Umzug kein passendes Team in ihrer Nähe finden konnte, profitieren davon. Sie können weiter ihrer großen Leidenschaft nachgehen.  

Was jedoch paradoxerweise die Leistung von Ronja und Co. etwas schmälert, ist die mediale Berichterstattung. Von Ikonen bis Vorbilder – in den Gazetten wurde die Thematik ziemlich hochstilisiert. Wäre es denn nicht besser, darüber zu berichten, als ob es ganz normal sei? Ein Tor wie jedes andere auch. 

Die Premieren-Torschützin selbst sieht das übrigens ähnlich: „Es war nichts Besonderes. Es war ein Tor wie jedes andere. Ich würde mir wünschen, dass auch Frauen ein ganz normales Tor schießen können.“ 

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