Equal Pay - Es geht um mehr (als nur) Geld

B42

30.08.2022 Lesezeit: 3 min

Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft vor einigen Wochen mit hängenden Köpfen im riesigen, lauten Rund des Wembley-Stadions steht, sehen sie nicht wirklich nach Siegerinnen aus. Waren sie faktisch auch nicht. Und irgendwie waren sie es trotzdem. Mit Sicherheit hat in diesem Moment in erster Linie die Enttäuschung und der Frust überwiegt. Über das was sie gerade verpasst haben. Aber höchstens 24-Stunden später – nach einer ausgelassenen Feier im Mannschaftshotel und einem spektakulären Empfang am nächsten Tag auf dem Römer in Frankfurt wird ihnen allen bewusst geworden sein: wir haben gewonnen! Vielleicht nicht diesen einen EM-Titel. Aber dafür Respekt, Anerkennung und Akzeptanz.  

Frankfurt, wir haben ein Problem!

Während sich Fußball-Deutschland – und vor allem die deutsche Boulevard-Presse – wieder einmal nach einem Endspiel gegen die Gastgeber im Wembley-Stadion von den Unparteiischen um einen großen Titel gebracht fühlt, sollten wir uns eigentlich über etwas ganz anderes beschweren. Seit Jahrzehnten bringen wir uns selbst jeden Tag auf neue um das was wir Fußballfans am meisten begehren: fairen und ehrlichen Sport, emotional, hochklassig und begeisternd. Wir ignorieren ihn, weil er von Frauen gespielt wird.  

Wir gehen nicht ins Stadion, wir zeigen die Spiele nicht oder nur zu den unpassendsten Sendezeiten im TV und vor allem vergüten wir die erbrachte Leistung nur mit einem Bruchteil dessen, was uns das Spiel der männlichen Pendants wert ist.

Letzteres folgt einer ganz simplen marktwirtschaftlichen Logik: Vergütung im Profifußball – also der Entertainmentbrache – richtet sich nach Umsatz. Je mehr Menschen zuschauen, desto größer die Ticket- und TV-Rechteeinnahmen, Merchandise-Erlöse und Wettbewerbsprämien. Und dass so wenige zuschauen liegt ja in erster Linie daran, dass es sich beim „Frauenfußball“ um dritt- oder viertklassigen Fußball handelt. 

Das Problem: diese Logik und diese Annahmen sind grundsätzlich falsch.  

Punkt 1: Frauen spielen keinen Frauenfußball, sie spielen Fußball.

Es handelt sich hier nicht um die Randdisziplin einer populären Sportart. Sondern um einen gleichwertigen und essenziellen Teil von Fußball. Natürlich kann man zwischen Frauen- und Männerbundesliga oder Europa- und Weltmeisterschaften auch terminologisch differenzieren. Aber gleichermaßen und auf Augenhöhe. Nicht in einem sprachlich-suggerierten Zweiklassenmodel. 

Punkt 2: Wir konstruieren einen Vergleich, den es nicht gibt.

Würde die deutsche Frauen-Nationalmannschaft gegen die deutsche Männer-Nationalmannschaft gewinnen? Nein! Ist das wichtig? Nein!


Im Fußball ziehen wir seit jeher einen geschlechterspezifischen Leistungsvergleich, der so nur im Fußball existiert.  
Steffi Graf hätte wahrscheinlich nie ein Tennismatch gegen Boris Becker gewonnen.  Wäre Magdalena Neuner bei den Männern mitgelaufen, hätte sie keinen einzigen Titel geholt. Gina Lückenkemper war bei ihrer EM-Goldmedaille in München über 100m 0,8 Sekunden (7,85 %) langsamer als Lucas Ansah-Peprah, der als schnellster Deutscher im Halbfinale ausgeschieden war.  


Warum ziehen wir im Fußball einen Vergleich, der im Sport einmalig ist? Physische bzw. athletische Unterschiede bei Männern und Frauen sind ein biologischer Fakt. Aber nur im Fußball scheinen sie relevant zu sein, um Leistung zu beurteilen und zu honorieren. 

Aus unserer Sicht fasst das auch sehr gut das Statement unserer Markenbotschafterin Lina Magull zusammen.

Punkt 3: Die Leistungsunterschiede sind historisch konstruiert und liegen nicht in der Natur der Sache.

Das bedeutet nicht, dass der Frauenfußball abgesehen von den athletischen Unterschieden seit jeher auf Augenhöhe mit dem Männerfußball war. Lange waren taktische und technische Defizite offensichtlich.

Warum?  Weil Frauen bis 1970 überhaupt keinen Fußball spielen durften. 100 Jahre Rückstand lassen sich nun mal nicht so einfach aufholen. Vor allem nicht in der Breite. Aber anstatt diese historische Ungerechtigkeit mit aller Kraft aufzuarbeiten und ausgleichen zu wollen, nehmen wir die ihr entsprungene Ungleichheit als Legitimation zur Selbstverstärkung.  


Es geht an diesem Punkt nicht um Wiedergutmachung. Aber es geht darum, diese historische Tatsache zur Kenntnis zu nehmen und sie in einer Beurteilung der Gemengelage zu berücksichtigen. 

Punkt 4: Öffentliche Aufmerksamkeit ist konstruiert.

Leider ist das Leistungsniveau nicht der einzige Bereich der in der Vergangenheit kompromiert wurde. Ein solches Verbot – vor allem dann wenn es gesellschaftliche Akzeptanz genießt – erwirkt auch einen kompletten Entzug der öffentlichen Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

Vielleicht war diese Europameisterschaft nicht nur der lang benötigte Impuls, um die sportliche Exzellenz der Spielerinnen zu erkennen, sondern sie auch entsprechend anzuerkennen. Zu einem Frauenbundesligaspiel ins Stadion zu gehen, kann mindestens so viel Spaß machen wie in der Männerbundesliga. (Kleiner Insidertipp: das Bier schmeckt gleich. Wir haben es ausprobiert.)

Und sie dürfen auch mal gern im TV gezeigt werden. Einschaltquoten sind übrigens auch Gewohnheit und Gelegenheit. Wer mehr Frauenfußball schauen kann, schaut am Ende auch mehr davon. Wem immer nur Männerfußball angeboten wird, interessiert sich auch nur dafür.  
Oder in anderen Worten: Medien richten sich nicht nur nach dem Markt, sie konstruieren ihn auch.  

Womit wir ja irgendwie wieder beim Thema Geld sind… 

Wann und wo Equal Pay möglich und gerechtfertigt ist

Equal Pay. Derzeit, eine der prominentesten Verteilungs- bzw. Gelddebatten Deutschlands. Nach der Gasumlage und den neuen DAZN-Preisen.  

Das spannende an Equal Pay ist ja, dass ihre Komplexität oft bewusst ignoriert oder einfach vergessen wird. Equal Pay ist nicht gleich Equal Pay. Wir müssen vor allem differenzieren zwischen Vereins- und Nationalmannschaftsfußball, sowie Grundgehalt und Erfolgsprämien.

Der Vereinsfußball unterliegt tatsächlich den Gesetzen des Marktes. Die allermeisten Profifußballabteilung sind deswegen inzwischen auch aus den Hauptvereinen ausgegliedert worden. Gleiche Gehälter wären zwar theoretisch möglich, sind faktisch – Stand jetzt – utopisch.

Anders die Nationalmannschaften. Sie sind dem DFB untergeordnet, rechtlich und laut Satzung ein gemeinnütziger Verein mit folgender in der Satzung verankerten Aufgabe: „Zweck des DFB ist die Förderung des Sports. Dieser Satzungszweck wird verwirklicht insbesondere durch die Vermittlung von Werten im und durch den Fußballsport, unter besonderer Berücksichtigung der Verwirklichung der Gleichberechtigung von Mann und Frau“ und „die angemessene Unterstützung gesellschaftspolitischer Aspekte mit den Möglichkeiten des Fußballs“.

Darum geht es derzeit bei Equal Pay. Die Frauen-Nationalmannschaft spielt die gleichen großen Turniere wie die Männernationalmannschaft. Dabei repräsentiert sie Fußball-Deutschland wahrschlich besser, da mindestens so erfolgreich und mit deutlich weniger theatralisch. Die ungleichen Prämien (Verhältnis 6:1), rechtfertigt der DFB mit den erhaltenen Erlösen und Prämien von UEFA und FIFA.

Ein Verteilungsmodell, dass sich nach ausgeschütteten Geldern von Verbänden richtet, die Weltmeisterschaften nach Russland und Katar verkaufen, sollte an dieser Stelle vielleicht einfach mal überdacht werden. Auf der Suche nach neuen Handlungsmaximen hilft manchmal auch ein Blick in die eigene Satzung. 

Wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung

Es geht im Moment, allerdings um mehr als nur um Geld. Es geht um mehr als 23 Fußballerinnen und die Konversion von fünfstelligen zu sechsstellige Bonuszahlungen. Es geht um die Botschaft, die wir damit senden und um den Standard, den wir damit setzen. Denn diese Debatte ist keine sportspezifische Neiddebatte, sie hat längst eine gesellschaftliche Dimension. Sie steht für die nach wie vor existierende strukturelle Benachteiligung von Frauen und für die traurige Wahrheit, dass gleiche Leistung nicht immer gleich honoriert wird.

An diesem Punkt kontradiktiert sich unser kapitalistisches Verständnis von Leistungsgesellschaft. Und genau dann müssen Politik und/oder Zivilgesellschaft einschreiten. Der DFB, als sehr relevanter Teil dieser Zivilgesellschaft – seine Relevanz beträgt über sieben Millionen Mitglieder – hat hier (s)eine Verantwortung. Diese Verantwortung ist gleichzeitig eine Chance: um historisch konstruierte Ungleichheit nicht weiter zu verstärken oder zumindest zu manifestieren, sondern ihr aktiv entgegenzutreten.  

Nur dann, wenn wir uns nicht mehr den marktwirtschaftlichen Gesetzlichkeiten beugen, sondern sie nach unserer Façon neu definieren haben wir eine Chance auf Gleichberechtigung. Manch einer möchte an diesem Punkt vielleicht vorhalten, es ginge doch nur um Sport. Aber es geht hier nicht nur um den Sport. Sport und insbesondere der Fußball, sind für viele ein wesentlicher Teil unseres gesellschaftlichen Miteinanders. Gesellschaftliche Entscheidungen im Fußball besitzen Tragweite und er besitzt unzweifelhaft eine prominente Vorbildfunktion. 

Deswegen glauben wir auch über Sport gesellschaftliches Zusammenleben beeinflussen zu können. Es widerspräche unserem Verständnis von gesellschaftlicher Verantwortung, sich nur als sportwissenschaftlicher Dienstleister zu verstehen.  
Egal ob wir, der DFB oder irgendein anderer Akteur im Sport. Je eher wir verstehen, dass auch wir eine Vorbildfunktion haben, dass es in unserer Macht steht gesellschaftlichen Wandel zu initiieren und Gleichberechtigung zu konstruieren, desto früher ernten wir Früchte unserer Arbeit.

Für manche von uns ist das Gerechtigkeit. Für die kommerziellen Akteure im Sport ist es die Chance der nachhaltigen Entwicklung eines Zukunftsmarktes. Für uns die Selbstverständlichkeit des Privilegs an diesem Wandel mitwirken zu dürfen. Es ist die Chance unsere Kinder nicht mehr damit konfrontieren zu müssen, dass sie von Geburt an ungleiche Chance im Leben und auf dem Arbeitsmarkt haben, sondern ihnen erklären zu dürfen, dass ihre Gleichberechtigung ihr Geburtsrecht ist.  

Es ist die Chance aus dem Teufelskreis der sich selbst verstärkenden Ungerechtigkeit, in der wir bestehende Ungleichheit als Legitimation für ihre Kontinuation verstehen, auszubrechen und einen Engelskreis, des sich selbstverstärkenden Anspruchs auf Gleichberechtigung, zu konstruieren. 

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