Vom Bundesliga-Talent zu Australiens Fußballer des Jahrzehnts: Thomas Broich

B42

15.06.2021 Lesezeit: 3min

Thomas Broich galt einst als größtes Talent im deutschen Fußball. In einer Zeit, in der die Nationalmannschaft nicht über die Vorrunde der Europameisterschaft in Portugal hinauskam und selbst Gegner wie Lettland nicht bezwungen werden konnten, galt Broich mit seiner feinen, filigranen Spielweise auch als Versprechen gegen die Biederkeit im deutschen Fußball. Die hohen Erwartungen konnte der ehemalige U21-Nationalspieler im Laufe seiner Karriere jedoch nur selten erfüllen.

Als seine Karriere nach vielen Verletzungen und Stationen in Gladbach, Köln und Nürnberg ins Stocken geriet, wechselte der gebürtige Münchner nach „Down Under“ – und fand sein großes Glück. Dreimal gewann er die Australische Meisterschaft und erhielt 2014 sogar die Auszeichnung Australiens Fußballer des Jahrzehntes. Heute ist Thomas Broich TV- sowie Taktikexperte und gibt sein Wissen auch als Trainer im Jugendfußball weiter.

Wir von B42 haben den 40-Jährigen getroffen und mit ihm über seine Karriere-Highlights, die Fehlerkultur im Fußball und das Erreichen seines besten sportlichen Selbst gesprochen.

 

 

„Es war unglaublich – die Leute sind ausgerastet“

Auf dem Platz war Broich ein Unterschiedsspieler. Einer, der dem Spiel seinen Stempel aufdrücken konnte. Er war beweglich, trickreich und mit der Fähigkeit ausgestattet, schwierige Situationen leicht aussehen zu lassen.

Eine besonders herausfordernde Situation war zweifellos das A-League Grand Final 2011. Gegner waren die CC Mariners und in der Verlängerung standen Broich und Co. mit einem 0:2 bereits mit dem Rücken zur Wand. Was dann passierte, ging nicht nur in Australien in die Fußball-Geschichtsbücher ein: Brisbane egalisierte in der 117. und mit der allerletzten Spielsituation in der 120. Spielminute das Ergebnis, entschied sogar noch das Elfmeterschießen für sich und gewann schließlich nach einer herausragenden Spielzeit die Championship.

„Es war unglaublich. Die Leute sind ausgrastet – ein Sea of Orange“, erinnert sich der Mittelfeldspieler mit strahlenden Augen an das Finale zurück. 2012 und 2014 folgten noch weitere Finalsiege und schließlich sogar die Auszeichnung zu „Australiens Fußballer des Jahrzehnts“.

Aufgrund anhaltender Sprunggelenksprobleme setzte er im Jahr 2017 den Schlussstrich unter eine enorm erfolgreiche Spielerkarriere.

 

Verschwendetes Talent oder glücklich über Umwege?

Jeder, der Thomas Broich spielen sah, wie er mit unnachahmlicher Selbstverständlichkeit agierte, mit welcher Leichtigkeit er das Spielfeld regierte, stellte sich unweigerlich die Frage, was in dieser Fußballerlaufbahn noch möglich gewesen wäre. Er selbst wird dabei sehr konkret: „Da wäre deutlich mehr drin gewesen.“ Ein Fazit über seine eigene Fußball-Karriere, das erstaunlich ehrlich daherkommt. Wer jedoch Wehmut, Enttäuschung oder Argwohn in dieser Aussage vermutet, sieht sich getäuscht. Broich wirkt zufrieden damit. Er habe viel erlebt und noch viel mehr reflektiert. Und schlussendlich nach einer bewegten Karriere viel lernen dürfen.

In einem Interview sagte er einst, dass er in der Bundesliga wohl als gescheitert gelte. Vielleicht, sagt er, stimme das sogar. Aber: „Alles was nach meiner Zeit in der Bundesliga kam, war noch viel viel geiler. Und auch wenn manche Leute sagen, dass ich vielleicht drittklassig irgendwo in Australien gekickt habe: für mich war das alles – es hat mir die Welt bedeutet.“

Das Beispiel Thomas Broich zeigt uns deutlich: Um im Fußball glücklich zu werden, muss man nicht immer den geraden Weg nach oben gehen. Es können auch Umwege zu Zufriedenheit und Glück führen – egal in welcher Liga man spielt.

 

 

„Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich Fußball im Halb-Schlaf wahrgenommen“

Nicht nur für seine aktive Karriere war das andere Ende der Welt ein wahrer Gamechanger. Auch für seine Zukunft war Australien von Bedeutung. Entscheidenden Anteil daran hatte ein Mann: Ange Postecoglou.

Der mittlerweile 55-jährige Ex-Profi war von 2009 bis 2012 Trainer von Brisbane Roar und damit auch von Thomas Broich. „Durch Ange habe ich zum ersten Mal erfahren, was ein Trainer wirklich bewirken kann. Er hat den Fußball so durchdrungen und konnte ihn mit einer Klarheit erklären.“

„Mit einer durchschnittlichen Truppe“, so Broich, habe Postecoglou „einen Fußball wie der FC Barcelona spielen wollen“. Mit Erfolg! Denn innerhalb kurzer Zeit veränderte sich das Spiel von „Roarcelona“ (so tauften die Zeitungen Brisbane Roar aufgrund ihrer Spielweise).

„Wir alle wurden besser im Kopf und haben den Fußball begriffen. Das war der Moment als ich dachte, ‘willst du so etwas nicht auch mal ausprobieren?‘. Dass Ange das mit dieser Truppe geschafft hat, hat mich nie wieder losgelassen und mich schließlich Jugendtrainer werden lassen.“

 

Thomas Broich Interview B42

 

„Der größte Fehler, den man machen kann? Angst haben, Fehler zu machen“

Zusammen mit Jerome Polenz (unter anderem Profi in Aachen, Union Berlin und Sydney) übernahm er im März 2020 die U15 der SG Eintracht Frankfurt.

Wohl auch aus persönlichen Erfahrungen nimmt das Thema „Fehlerkultur“ beim Trainer Thomas Broich einen besonderen Stellenwert ein: „Um Außergewöhnliches leisten zu können, muss man auch bereit sein, Fehler zu machen. Deshalb haben wir in unserer kleinen Fußball-Blase versucht, eine Kultur zu entwickeln, in der man keine Angst vor Fehlern hat.“

Vielmehr will er als Trainer seine Jungs stetig dazu ermutigen, unerschrockene Lösungen zu suchen. Denn nur so sei eine Weiterentwicklung möglich. Den einen unverzeihlichen Fehler, so der Ex-Profi von Gladbach, Nürnberg und Köln, dürfe man nämlich niemals machen: „Auf dem Platz Angst haben einen Fehler zu machen.“

Richtig ernst wird Thomas Broich auch als es um das Thema ‘Können und Nicht-Können‘ geht:

„Mir missfallen Aussagen wie ‘der Spieler kann das nicht‘. Das ist viel zu einfach gedacht. Vielleicht kann es dieser oder jener Spieler NOCH nicht. Aber genau darin liegt ja meine Aufgabe als Trainer.  Und genauso lange dürfen die Spieler auch Fehler machen.“

 

 

„Sich etwas zu erarbeiten, wird langfristig auch glücklich machen“

Eine Sache die Thomas Broich seinen Eintracht-Youngsters, aber auch allen Fußballspielenden mit auf den Weg geben möchte: „Ich bin mir sicher, dass das Glück darin liegt, an Dingen, die man gerne macht, zu arbeiten und sich darin zu verwirklichen. Wenn man sich mit Plan, Akribie und Freude entwickelt und plötzlich Dinge kann, die man vorher noch nicht konnte, macht einen das glücklich. Und darum geht es doch im Leben: Wir wollen doch einfach nur happy sein.“

 

 

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